An der Eröffnung der Ausstellung „Jürg Kreienbühl, Suzanne Lopata, Stéphane Belzère“ am 15. September 2018 im Kunsthaus Interlaken hielt ich die Eröffnungsansprache. Hier folgt die Rede im Wortlaut.

Die Auswahl der Werke von Jürg Kreienbühl in der Ausstellung, die wir heute eröffnen, nimmt dezidiert Bezug auf eine bestimmte biografische Periode im Schaffen des Künstlers. Andere Perioden und Werkgruppen kommen nicht oder nur am Rand vor, sind aber für das Werk als Ganzes von grosser Bedeutung, so dass es mir richtig erscheint, in einem zweiten Teil auch darauf noch darauf einzugehen.

Bild Bidonville

Leben in der Bidonville. JürgKreienbühl: „La Zone“ (1972). Dispersion auf Hartfaserplatte. 90x122 cm. Privatbesitz. © Kreienbühl/ADAGP, Paris, 2018.

Überhaupt ist das Werk von Kreienbühl von seinem Lebenslauf kaum zu trennen. Ich werde mich daher zunächst diesem Thema zuwenden. Geboren wurde Jürg Kreienbühl am 12. August 1932 in Basel. In seiner Geburtsstadt besuchte er das Gymnasium, den Grafikvorkurs der Allgemeinen Gewerbeschule und machte er eine Lehre als Flachmaler. Mit einem Stipendium der Stadt Basel begab er sich 1956 ein erstes und 1957 ein zweites Mal nach Paris, wo er sich in einer Bidonville in Bezons ausserhalb der französischen Metropole niederliess. Er lebte in einer „roulotte“ unter einfachen, ärmlichen Verhältnissen. Von dem ausgedienten, räderlosen, aufgebockten Autobus, in dem er hauste, können Sie sich auf der Einladungskarte eine Vorstellung machen. Clochards, Zigeuner, Nordafrikaner, Ausgesteuerte, Abgehängte, wie wir heute sagen, wurden seine Freunde, deren Leben er teilte und in eindringlichen, sich einprägenden Werken wiedergab.

Kreienbühl wollte malen, nichts anderes, und was er malte, waren die Menschen und war das Leben, wie er es antraf, ohne sozialromantische Beschönigung, sondern als harte und authentische Realität.

Keine Stillleben – der Schein trügt

Stilistisch ist Kreienbühls Malerei dem Realismus zuzuordnen. Zu seinen Vorbildern oder seinen Verbündeten im Geist gehörten französische Künstler wie Edouard Villard (1868-1940), von dem er oft sprach, oder Chaim Soutine (1893-1943). Viel ist mit dem Begriff bei Kreienbühl jedoch nicht anzufangen. Eher müsste man von einem ontologischen Realismus sprechen, der eine Befragung des wirklichen, direkten Lebens-wie-es-ist unternimmt.

Einen seiner prägendsten Eindrücke empfing der junge Kreienbühl, als er auf der Reinacherheide ausserhalb von Basel eine verwesenden Ratte im Zustand ihrer Auflösung beobachtete. Es war der Gründungsakt von Kreienbühls Werk. Darin ist auch, aber zugleich viel mehr als Weltschmerz und Nihilismus der Adoleszenz zu sehen, nämlich Naturbeobachtung ohne Beschönigung, ohne Erhöhung, ohne Idealisierung. Wenn Kreienbühl sagte, dass er Stillleben hasse, dann war das eine Aussage, die in einem ganz allgemeinen Sinn auf seine Malweise zutraf. Der Schein trügt. Vielleicht erklärt die verwesende Ratte auf der Reinacherheide auch Kreienbühls Vorliebe für Abfallberge, chaotische Umgebungen, überladene, verstaubte oder pauvere Interieurs in den Bidonvilles, auf dem Wasser schwimmende Ölteppiche, die er sarkastisch „Petrolnymhéas“ nannte (es war der Titel einer Werkserie um 1978) – eigentlich ein lebenslanges Thema, zu dem zum Beispiel auch die Abfallberge mit verwelkten Blumen und Kränzen an der Friedhofsmauer in Nanterre mit den Wohntürmen des Architekten Gilles Aillaud mit den bemalten Regentropfen im Hintergrund gehören. Kreienbühls letzte Arbeiten haben in einer Reihe von Werken eine „déchetterie“ zum Thema – eine Kehrichtbeseitigungsanlage in Cormeilles-en-Parisis, wo Kreienbühl bis zu seinem Tod lebte.

Die Gewalt hinter den Erscheinungen der Welt

Das Leben unter den Ausgeschlossenen erlaubte Kreienbühl kein bequemes Ausweichen in die Unverbindlichkeit der Abstraktion. Zeit seines Lebens war er auf der Suche nach der grösstmöglichen Authentizität, die er am ehesten an Orten des Zerfalls antraf. Sie verstehen jetzt, dass Realismus für Kreienbühl keine pingelige Wiedergabe von Backsteinen oder Dachziegeln oder – ein anderes Beispiel – von Blättern mit feiner Aderung in den Treibhäusern im Jardin des Plantes in Paris bedeutete, sondern die aufwühlende wirkende Gewalt hinter den Erscheinungen der Welt. Mit Abstraktion durfte man Kreienbühl nicht kommen, dann konnte er gleich anfangen, dagegen zu poltern und polemisieren.

Zu Kreienbühls Realismusbegriff müssen auch seine LSD-Versuche, die er unter Anleitung seines Freundes Albert Hofmann (1906-2008) unternahm, hinzugezählt werden. Die sichtbare Welt war für ihn das Durchgangstor zu einer allgegenwärtigen, aber unsichtbaren, verborgenen Realität, die erst erfahren werden muss. Kunst bedeutete für Kreienbühl, Zeugnis ablegen.

Zu Kreienbühls bedeutendsten Werken gehören für mich jene, die er im Jardin des Plantes in Paris gemalt hat (beziehungsweise im Muséum d'histoire naturelle, wie die offizielle Bezeichnung lautet) – vor allem in der Galerie de zoologie und der Galerie d'anatomie comparée mit den Dinosaurierskeletten unter den Oberlicht-Glasdächern. Darauf möchte ich – im Sinn einer umfassenden Darstellung von Kreienbühls Werk – jetzt noch kurz eingehen. Ich hoffe, Sie haben noch ein paar Augenblicke Geduld.

Das Werk, das im Jardin des Plantes entstand

Der Jardin des Plantes war während des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Mittelpunkt des naturwissenschaftlichen Lebens – mit dem überragenden Comte Buffon, mit Wissenschaftern wie Georges Cuvier, der die Katastrophentheorie vertrat, und Etienne Geoffroy Saint-Hilaire, der ihr den Neptunismus, das langsame Fortschreiten der Evolution, entgegenhielt. Die 1889 eröffnete Galerie de zoologie, vom Architekten Jules André errichtet und im gleichen Jahr wie der Eiffelturm eröffnet, wurde für lange Zeit Kreienbühls wichtigster Schaffensort. In einer grossen, über mehrere Stockwerke hohen Zentralhalle schreiten in einer würdigen Prozession die Tiere durch den Raum, Elefanten, Giraffen, Löwen, Rhinozeros, begleitet von kleineren Spezies, alles Replika – ein riesiges Spektakel, das den Menschen vor mehr als 100 Jahren ein Gefühl für ihre anthropologische Überlegenheit geben sollte.

1965 musste die Galerie geschlossen werden, die ausgestellten Objekte lagen kaputt in Teilen auf dem Fussboden, und um zu verhindern, dass es hereinregnete, mussten die Glasdächer notdürftig abgedichtet werden. Das war der Zustand, den Jürg Kreienbühl antraf, als er 1974 zum ersten Mal an diesen Ort kam. Er muss die Situation sofort erkannt haben: Ein Kulturdenkmal von historischer Bedeutung war am Verserbeln. Eine Katastrophe.

„Chronist der Endzeit“

Was ich hier kurz umreisse, ist nur dazu da, um auf diesen denkwürdigen Ort als kulturelles Erbe Frankreichs hinzuweisen und darauf, dass Jürg Kreienbühl als Schweizer und französischer Doppelbürger mit seiner Malerei die öffentliche Aufmerksamkeit auf den drohenden Verlust lenken wollte, als er den Ort in ihrem letzten Zustand vor ihrem drohenden Niedergang antraf und wie ein Reporter, wie ein Dokumentarist, wie ein Zeitzeuge festhielt und wiedergab. Tatsächlich wurde die Galerie de Zoologie restauriert und unter der neuen Bezeichnung Grande Galerie de l'Evolution 1994 von Staatspräsident Mitterrand eröffnet. Nur leider ist durch den Umbau, vorgenommen von den Architekten Paul Chemetov und Borja Huidobro sowie dem Szenografen René Allio, die historische Galerie de Zoologie in ein inhaltsleeres Touristen-Spektakel umgewandelt oder eigentlich zerstört worden. Jürg Kreienbühl hat oft gegen den Umbau gewettert, und wie. Das konnte er ja.

Weitere Orte seines Schaffen waren der Skulpturenpark des Eisenplastikers Bernhard Luginbühl in Mötschwil; die aufgegebene „sainterie“, die Fabrik in Vendeuvres-sur-Barse, wo aus gebrannter Tonerde Heiligenfiguren für den Export in die ganze Welt hergestellt wurden; sie hatte ihren Geist bereits aufgegeben, als Kreienbühl eintraf. Ein anderes Thema war die Baustelle der Bürostadt La Défense ausserhalb von Paris; die Brauerei Warteck in Basel, wo die Bierfabrikation 1990 eingestellt wurde. Fast überall, wo er hinkam, begegnete Kreienbühl einer Welt im Moment des Niedergangs, so dass man sagen kann, dass eine Welt des Verschwindens sein eigentliches Thema war. Ich habe deshalb Jürg Kreienbühl, als er am 30. Oktober 2007 in Cormeilles starb, in einem Nachruf als „Chronist der Endzeit“ bezeichnet. Ich denke mit stiller Teilnahme an ihn, an das, was er vollbracht hat, aber auch mit grosser Emphase an unsere vielen Begegnungen. Es sind meine Erinnerung an ihn, die ich hier vor Ihnen ausgebreitet habe.

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Noch ein kleiner Nachtrag. In der Ausstellung vertreten sind auch Suzanne Lopata, die Ehefrau von Jürg Kreienbühl, und Stéphane Belzère, der Sohn von beiden. Beide mussten sich vom dominanten Einfluss Kreienbühls befreien, um zu einer freien Ausdrucksweise zu gelangen. Von Suzanne Lopata sehen wir genau wiedergegebene, beinahe naive Orte und Situationen. Stéphane Belzère hat mit kühnen Bildfindungen die Kirchenfenster in Rodez gestaltet. Seine „Tableaux longs“ evozieren Eindrücke von Erde, Luft und Meer oder Wasser als innere Landschaften in Panoramaformat. Zur Zeit hat er auch im Progr in Bern eine vom Psychiatrie-Museum veranstaltete Ausstellung, in der es um eine Auseinandersetzung mit seiner Familie geht.

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Ich wünsche Ihnen jetzt bei Ihrem Besuch durch die Ausstellung viele überraschende Einblicke.