Früher war nicht alles besser, aber anders. Diskussionen waren oft eine fröhliche Runde, eine sportive Sache. Heute verhält es sich anders. Es kommt um keinen Preis in der Welt infrage, vom eigenen Standpunkt abzuweichen oder nachzugeben. Der Tonfall ist gereizter geworden.

Von Aurel Schmidt

Wenn wir diskutierten, geschah es schlagfertig, auch vehement, doch zu einer abschliessenden Einigung kamen wir selten. Die anderen hatten das gleiche erlebt, nur umgekehrt. Wenn wir nicht mehr weiter wussten, bestellten wir noch eine Runde, und wenn wir uns verabschiedeten, dachten wir auf dem Nachhauseweg, einen inspirierten Abend verbracht zu haben. Wir waren in Hochstimmung.

Das ist heute fast unmöglich geworden. Vielleicht liegt es daran, dass wir ungleich rigoroser diskutieren müssen, um im allgemeinen Dröhnen der Meinungen Gehör zu finden. Aber es gibt noch andere Gründe.

Debattieren heisst alles zu mobilisieren, um am Ende recht zu bekommen. Niemand will nachgeben, ein Verlierer sei, das wäre zu peinlich. Nicht umsonst stehen Kampfsportarten, Tennis, Autorennen hoch im Kurs. Alle sportlichen Disziplinen sind eine Wette auf Sieg. Wer als Letzter vom Platz geht, hat die Partie für sich entschieden und nimmt die Gratulationen entgegen. Der Verlierer hat verspielt, versagt und muss verschwinden.

Wenn man nach der tieferem Ursache forscht, könnte man leicht die Feststellung machen, dass es im Kern um eine Methode gegen jede Form von Ausnahme, Abweichung und Anderssein geht. Nur der eigene Standpunkt zählt, oder anders gesagt: Es kann nur einen Sieger geben.

Empörung und Erbarmen

Diese Lage der Dinge lässt sich ohne weiteres auf die Anordnung in der Diskussionsrunde übertragen. Wie es nur einen Sieger geben kann, kann es auch nur eine richtige, akzeptierte Meinung geben, daher die verbohrte Beharrlichkeit, mit der um sie gekämpft wird. Nur ist damit ein paradoxer Vorbehalt verbunden: Jede andere, andersartige, abweichende Auffassung ist selbst wiederum eine fremde für alle Andersdenkenden. Jede Auseinandersetzung trägt so zur Einrichtung einer Kampfzone zur Austragung von divergierenden Meinungen und Ideen bei. Das letzte Wort gibt den Ausschlag.

Verschiedene praktikable Methoden haben sich dafür herausgebildet. Wem es gelingt, sich selbstbewusst zu rühmen; wer sich am resolutesten beklagt, verfolgt, verleumdet, benachteiligt, diskriminiert zu werden, hat am meisten Aussicht, Anerkennung oder Erbarmen zu finden. Auch Empörung sorgt für gutes Ansehen. Seht her, da ist jemand, dem Unrecht widerfahren ist beziehungsweise der sich selbstlos in den Dienst einer übergeordneten Sache stellt. Auch die Berufung auf eine höhere, unumstössliche, Ewige Wahrheit kann von Vorteil sein. Im Namen eines selbst gebastelten Gottes, des Marktes, der Gerechtigkeit ist das Ringen um Vorstellungen und Ideale halb gewonnen Der Rest ist freie Rhetorik.

Seit die Linke die Sozialpolitik aufgibt und durch Identitätspolitik ersetzt hat, schiessen die Meinungen wie Pilze nach einem warmen Regen aus dem Boden oder wachsen wie die Köpfe einer Hydra nach, wenn versucht wird, sie abzuschlagen.

Jeder Mensch ist eine Minderheit

Der Kampf für LGBT hat sich auf LGBTTTIQ ausgedehnt. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wären da nicht die Folgen. Je kleiner die Fraktionen innerhalb der Minderheiten, desto grösser die Entrüstung und desto rabiater der Kampf um Aufmerksamkeit. Dabei ist jeder einzelne Mensch eine Ausnahme, ein Solofall, eine Minderheit. Die Schnauze haben alle voll. Niemand möchte täglich diverse Male genötigt werden, Zustimmung zu signalisieren, niemand sich permanent für eine Lappalie rechtfertigen müssen. Nicht jede Varianz muss sanktioniert werden. Manchmal muss man auch fünf gerade sein lassen können. Wenn es möglich ist.

Und wenn es nicht möglich ist? Dann muss man sich auf eine Auseinandersetzung gefasst machen; dann muss man streiten, heftig, aber ohne Verbitterung, auch ohne Rechthaberei, mit offenem Ausgang, wie die belgische Politikwissenschafterin Chantal Mouffe gefordert hat. Mit geschlechtsneutraler Schreibweise mit * (Gender-Sternchen) und + (Pluszeichen für alle nicht näher genannten Untergruppierungen), wie sie die neuen Identitären befürworten, werden pausenlos neue Rote Linien gezogen und neue Absurditäten aufgetischt, nichts weiter sonst. Einverstanden sein werden nie alle, Reklamationen wird es immer geben, ausser vielleicht in Nordkorea oder irgendeinem Paradies von unglaublich einprägsamer Öde, von dem man sich gern lossagen und in die widersprüchliche und widerborstige Wirklichkeit eintauchen möchte. Genug. Es reicht. Etwas mehr Komplexität, Chaos, Lebensfreude, wie befreiend wäre das.

Aber soweit sind wir noch nicht. Es kommt noch das Folgende. Die neue Debatte in Frankreich über die sogenannte Dekolonialisierung hat die linken Begriffe Entkolonialisierung, Emanzipation, Feminismus, Diversität übernommen, aber ihre linke Bedeutung in das rechte Gegenteil verkehrt. Feminismus ist mit einem Mal zu einem Plädoyer für das Kopftuch geworden, Diversität für Kommunitarismus. Zugleich werden Kritiker der Dekolonialisierungs-Bewegung als Anhänger eines republikanischen Universalismus bezichtigt, also eines übergeordneten gleichen Rechts für alle Menschen an Stelle einer Vorzugsstellung einzelner bestimmter Gruppen von Menschen. Vor lauter Ausdifferenzierungen wird es unmöglich zu sagen, worauf es substanziell ankommt. Subtile Definitionen ad infinitum stellen sich als wichtiger heraus.

Als "pensée groupusculaire" wird im Französischen das Sagen, Denken, Handeln von sich selbst affirmierenden identitären Mini-Minoritäten und Kleinst-Kampfgruppen bezeichnet. Es ist von den linken (!) Hochschulen in den USA ausgegangen und scheint in Frankreich, wo es den öffentlichen Diskurs zunehmend hintertreibt, einem Höhepunkt entgegenzustreben. Das französische Nachrichtenmagazin "Le Point" hat die Lage kürzlich zu einem Heft-Thema gemacht und von einem "Pulverfass" gesprochen: "Frankreich am Rand der Sezession", allerdings auch deshalb, weil religiöse Gruppen (Evangelikale, Salafisten), die demonstrierenden "gilets jaunes" (Gelbwesten) und die abgehängten weissen Arbeiter in den verlassenen Industriegebieten Lothringens und anderswo sowie weitere Formationen miteinbezogen worden sind.

Gesinnung genügt nicht

Das neueste Kampfziel betrifft die sogenannte Cultural Appropriation. In der Sorbonne in Paris war erst kürzlich vorgesehen, ein Stück des antiken griechischen Autors Aischylos aufzuführen. Dazu sollten sich einige der Darsteller für ihre Rolle schwarz schminken, worauf antirassistische Gruppen das Spektakel verhinderten. Der Angriff auf die kreative Freiheit für die Einen stellte sich als "Rassialismus" und "Afrophobie" für die Anderen heraus – weitere verzwickte Neudefinitionen aus dem Wortschatz der Kampfbereiten. Cultural Appropriation will verhindern, das Weisse sich Werke und Güter der afroamerikanischen Kultur aneignen und damit Geschäfte machen. Man denke: Heute, in der globalen Welt, die näher zusammenrückt, zusammenwächst, die sich öffnet und in der sich alles durchmischt, soll eine neue Apartheid eingerichtet werden – im Namen neuer Begrifflichkeiten von "Respekt" und "Gerechtigkeit".

Nicht jede anderslautende Meinung ist ein Vorurteil. Nicht jede Pläsanterie ist eine sexistische Belästigung, aber vielleicht die Bestätigung für die Ausbreitung von aseptischen US-amerikanischer Gesellschaftsnormen. Nicht jede Frage, woher ein Mensch mit fremdländischem Aussehen kommt, ist eine "rassialistische" Einstellung, aber vielleicht ein Interesse an den Menschen, mit denen wir in einer sich schnell verändernden Welt zusammenleben.

Auch wer im Recht ist, muss sich erklären. Mit einem Upload an Gesinnung wird nichts erreicht. Aber wenn wir nicht aufpassen, bekommen wir es schnell mit Verfälschungen und Fake Facts aller Art (man denke etwa an das Portrait des französischen Schriftsteller und früheren Kulturministers André Malraux auf einer Briefmarke, auf der die Zigarette in seinem Mundwinkel wegretuschiert wurde) zu tun und zuletzt mit Bevormundung, Zensur, Kastration des Denkens. Im Namen von idealistischen Absichten, festen Überzeugungen, unumstösslichen Wahrheiten sind Kriege geführt worden und Menschen verfolgt und umgebracht worden.

Am Ende der Zweifel

Die Welt schlage sich mit "tausend Fragen herum, bei denen das Für und Wider gleich falsch sind", bemerkte der Philosoph Michel de Montaigne vor 400 Jahren, als er erkennen musste, von nichts "das Ganze" zu sehen. Wir sind in der Tradition der skeptischen Philosophie gross geworden. Kritische Wachsamkeit und Unterscheidungsfähigkeit muss zu einem dringenden kategorischen Imperativ deklariert werden. Nicht alles ist richtig, aber auch nicht alles falsch, meistens etwas Diffuses dazwischen. Man muss sich wegen einer Bagatelle nicht den Kopf einschlagen, aber auch nicht alles widerspruchslos hinnehmen.

Wie also sich aus dieser Blockade der Kontradiktionen also befreien? Es ist kaum möglich. Am Ende bleibt allein der Zweifel bestehen. Voltaire schrieb in den "Dialogues d'Évémère" (einem erdachten antiken Philosophen, mit dem er sich wohl gleichsetzte): "Je ne vous donnerai jamais mes opinions que comme des doutes." Auf Deutsch etwa: Ich werde Ihnen meine Gedanken, Ideen, Vorstellungen niemals anders unterbreiten als in Form eines Zweifels. So sei es.

 

26. April 2019, aktualisiert 8. Mai 2019