Warten bedeutet, sich Zeit zu lassen. Nicht alles muss unverzüglich verrichtet sein. Das meint die Autorin Kathy Zarnegin in ihrem soeben erschienenen Buch "Exerzitien des Wartens", dessen Titel andeutet, dass im Wartenkönnen eine allmählich erworbene Reife liegt.

Von Aurel Schmidt

Grosses geschieht für den englischen Dichter William Blake, wenn Buch und Berg aufeinandertreffen ("when men and mountains meet"). Auch vom Buch müsste sich das gleiche sagen lassen. Doch die Berge sind schon lange da, das richtige Buch unter Tausenden dagegen selten. Es kommt erst. Auf Bücher muss man manchmal lange warten, bis sie eintreffen. Manchmal lohnt es sich. Ist der Moment gekommen, dann ist eine Konstellation eingetreten, ein Glücksfall.

Warten sei eine Geduldsprobe, eine hohe Kunst, eigentlich ein Exerzitium, so definiert die in Basel schreibende Autorin Kathy Zarnegin schon im Titel "Exerzitien des Wartens" die Intention ihres Buchs, dem diese Einleitung gilt. Zwar sollte man mit Anerkennung, gar Lob nicht übertreiben, aber umgekehrt auch nicht geizen, wenn in der unübersehbaren Masse der saisonal andrängenden Neuerscheinungen das Buch darunter ist, von dem man sich schon immer gewünscht hat, eines Tages seinen Weg zu kreuzen.

Wer mit Büchern zu tun hat, weiss, dass sie zu Begegnungen führen können, denen eine Magie innewohnt, die nicht einfach zu erklären ist. Viele werden gelesen und wieder beiseitegelegt, andere seltene wirken lange Zeit nach. Sie greifen um sich, entfalten sich, gewinnen an Einfluss. Das Lesen selbst wird zum Exerzitium, also einer rigiden geistigen Übung.

Und das Warten? Es ist das Thema des Buchs. Warten ist ein Zeitmanagement, wie man heute sagt, oder einfach eine intelligente Art des Umgangs mit der Zeit. Ist Warten eine aktiv gestaltete oder aber passiv erduldete, erlittene Erfahrung der Zeit? Warten heisst Zeit haben oder sich nehmen. Wenn ich Zeit habe, liegt ihr eine aktive Lebensform zu Grund, dann wird "Gegenwart zu empfundener Zeit", schreibt Zarnegin. Mit Warten verbrachte Zeit wird zu gewonnener Lebenszeit. Es ist eine Überraschung, die zum Beispiel oft auf Reisen gemacht werden kann, dass Wartezeiten eine am intensivsten erlebte Zeitspanne sind.

Mit einem Mal, so leite ich aus dem Buch ab, ist die Erfahrung von Zeit eine wahre Denk- und Lebensschule. Zeit ist nur jetzt, argumentiert Zarnegin mit Witz und Tiefgründigkeit, ein Intervall, auf den noch einer und viele weitere folgen. Was war, ist vorbei, was kommt, noch unbestimmt. Vergangenheit und Zukunft sind keine Zeiten, nur der Moment ist von Dauer...

Warten, Zuwarten, Skepsis

Im weiteren Verlauf wird Zeit für Zarnegin zu einem kulturkritischen Thema, zum Beispiel der Papierverbrauch hierzulande im Vergleich zu Afrika. Es hat sich ergeben, als sie sich auf den französischen Philosophen Jacques Derrida und dessen Thema Text und Papier einliess. Papier ist geduldig, also selbst ein Zeitphänomen. Der zweite Riese im Buch ist der französische Schriftsteller Maurice Blanchot, der das Thema des Wartens als Form des Vergehens und Vergessens in seinem Buch "L'attente l'oubli" (1961, dt. "Warten Vergessen") abgehandelt hat.

Erst gegen Schluss von Zarnegins Buchs, dafür mit wachsender Einsicht schält sich die Erkenntnis heraus, dass der Akt des Wartens in der bestimmten Form des Zuwartens genau genommen eine Haltung der philosophischen Skepsis ist. Michel de Montaigne sagt im Geist der antiken Skeptiker: "Je suspends mon jugement." "Suspendre" nimmt hier die Bedeutung eines Aufschubs an, eines Sich-Zeit-Lassens.

Dass Zarnegin auf einen diskursiven Text verzichtet, also mit aphoristischen Komponenten auskommt, die bei genauerer Lektüre oft verschlungen ineinander übergehen, gehört zum Vorteil der Methode des Buchs. Wer schreibt heute noch Bücher mit Hunderten von Seiten? Das Ganze sei das Wahre? Schön wärs ja. Nein, darauf haben wir nicht gewartet. Denn wir verstehen, dass Lektüre Arbeit ist und das Zusammenstellen der Teile, auch wenn es nur wenige sind, eine Feinmechanik im Kontext ist, eine Ingenieurswissenschaft des Geists.

Worauf wir warten, ist das, was sich einstellt, das Ereignis. Es ergibt sich aus vielen kleinen Teilen und Fragmenten, die nichts und doch alles miteinander zu tun haben. Der Zusammenhang als Ensemble ist kein Ganzes, er bildet sich aus den Verkettungen, Sprüngen, Übergängen, Relationen, die ihn in immer changierender Gestalt neu formieren. Es ist das "Und" von Gilles Deleuze; als Textgeschehen bezeichnet es Zarnegin. Dass sie dieses Vorgehen gewählt hat, leistet zum reizvollen Ergebnis des Buchs selbst einen mitbestimmenden, zwingenden Beitrag.


Kathy Zarnegin: Exerzitien des Wartens. Hohenems 2020 Bucher Verlag. Fr. 17.90

 

20. Mai 2020

 

 
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